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Das verkürzte Zungenband

Aktualisiert: Nov 11

Jeder Mensch hat ein Zungenband. Bei manchen Menschen ist es jedoch ZU KURZ, was zu Einschränkungen u.a. in der Zungenbeweglichkeit führen kann. Das wiederum beeinflusst nicht nur das Stillen, sondern den ganzen Organismus. Und was viele nicht wissen: auch ältere Kinder und Erwachsene können betroffen sein! Eine ganzheitliche Betrachtung ist also notwenig. Leider wird das verkürzte Zungenband oft übersehen und/oder falsch therapiert. Betroffene Familien und Kinder haben dann einen langen Leidensweg hinter sich.


Was ist das Zungenband?


Das Zungenband (Frenulum linguae) liegt unter der Zunge. Es ist ein Überbleibsel aus der embryonalen Entwicklung. Du kannst es sehen, wenn Du den Mund öffnest und Deine Zunge zum Gaumen anhebst.


Wenn das Zungenband zu kurz ist…


Von Ankyloglossie spricht man, wenn die Zungenbeweglichkeit in Folge eines zu kurzen Zungenbandes eingeschränkt ist. Das zu kurze Zungenband betrifft Jungen doppelt so häufig wie Mädchen (Paul Hong, MD, et al. 2013). Neuere Untersuchung zeigen, dass etwa ein Drittel aller untersuchten Kinder ein zu kurzes Zungenband aufweisen (Roberta Lopes de Castro Martinelli et al. 2018).

Je nach Ursprung- und Ansatzpunkt spricht man von anterioren oder posterioren Zungenbändern: Das anteriore Zungenband ist das klassische Zungenband. Es beginnt an der Zungenspitze und verursacht eine herzförmig eingekebte Zunge. Das eher unbekanntere posteriore Zungenband beginnt weiter hinten an der Zungenunterseite. Hier bleibt die Spitze der Zunge rund. Das zu kurze posteriore Zungenband wird daher häufig übersehen. Es erfordert eine fühlende Untersuchung im Mundraum des Babys und Erfahrung in der Diagnostik.


Wie beeinflusst das zu kurze Zungenband das Stillen?


Stillprobleme

Einschränkungen in der Zungenbeweglichkeit können dazu führen, dass der Babymund nicht ausreichend geöffnet und nicht genug Brustgewebe erfassen kann. Dadurch wird das stillen beeinträchtigt; Milch fließt am Mundwinkel raus, das Baby spuckt, erschöpfendes einschlafen vor dem Satt sein, häufiges An- und Abdocken! Es kann auch sein, dass das Baby kompensatorisch stark saugt, um an die Milch zu kommen. All das kann zu Schmerzen und wunden Mamillen führen. Auch beim Trinken an der Flasche kann es zu Problemen kommen.

Schlafstörungen, Bauchweg, Verstopfung beim Baby

Es kommt häufiger zu Würgen, Reflux, Bauchschmerzen oder Verstopfung. Folgen können Müdigkeit, Schlafstörungen, Reizbarkeit und exzessives Schreien sein. Durch das veränderte Saug- und Schluckverhaltem werden andere Muskeln zur Kompensationen aktiviert, wodurch u.a. eine unsymmetrische Körperhaltung und ein kleines rückverlagertes Kinn (Richtung Hals) entstehen können.


Essprobleme bei Baby und Kleinkind

Auch im weiteren Entwicklungsverlauf kann es zu Schwierigkeiten beim Kauen und Schlucken kommen: Verweigerung fester Nahrungsmittel, vermehrtes Würgen, Problemen im Umgang mit größeren Mengen oder häufiges Verschlucken.


Das verkürzte Zungenband im weiteren Entwicklungsverlauf


Die Zunge ist nicht nur wichtig für die Nahrungsaufnahme, sondern auch für die Sprache, die Kiefer- und Gesichtsform und die Atmung. Die weitreichenden Folgen sind bis in das Kindes- und Erwachsenenalter zu beobachten:


Veränderte Zungenruhelage: Durch das verkürzte Zungenband kann die Zunge ihre physiologische Haltung am Gaumen nicht einnehmen und liegt stattdessen im Mundboden. Damit fehlt ihre formgebene Kraft am Gaumen, wodurch sich dieser falsch entwickelt. Der Gaumen ist der Boden der Nasenhöhle. Wird er in seiner Form verändert, kann dies auch die Nasenatmung behindern.

Mundatmung: Durch die Zungentiefstellung verändert sich die Kieferstellung und der Lippenschluss des Mundes. Dies und/oder die behinderte Nasenatmung führt zu einer offenen Mundhaltung und Mundatmung. Hierbei wird die Atemluft nicht gereinigt und angefeuchtet, wodurch es zu mehr Infektionen der oberen Atemwege kommen kann. Dauerhafte Mundatmung führt zu Konzentrations- und Schlafproblemen. Betroffene Kinder und Erwachsene wachen öfter auf und sind auch tagsüber unruhiger oder erschöpft. Sogar ein chronisch erhöhter Blutdruck kann Folge sein. Mehr Hintergrundinformationen zur Mundatmung.


Myofunktionelle Störungen und Sprechstörungen: Durch „falsche“ Zungenbewegungen kommt es zu Fehlfunktionen anderer Muskeln. Dieses muskuläre Ungleichgewicht kann wiederum zu Problemen im Schulter- und Nackenbereich führen. Die Bewegungseinschränkungen von Zunge, Wangen, Lippen führen zu Aussprachestörungen bei Kindern. Ein Beispiel ist das Lispeln.


Kiefer-/Zahnfehlstellungen und Karies: Zähne, Kiefer und Gesicht werden durch die Zunge geformt. Bei Fehlfunktionen kommt es zu kieferorthopädischen Problemen, z.B. offener Biss, Fehlstellungen der Zähne, schmaler Kiefer, hoher Gaumen. Die eingeschränkte Zungenbeweglichkeit verhindert, dass die Zähne auf natürliche Weise gereinigt werden und so kann sich vermehrt Plaque ablagern.

Was Eltern tun können - Indizien für ein zu kurzes Zungenband bei Baby und Kleinkind erkennen:

  • hohe Stillhäufigkeit, kurzes/wenig ausdauerndes Saugen

  • schnelles Ermüden beim Stillen

  • schlecht erfasste Brust, häufiges Loslassen und wieder Andocken beim Stillen

  • Saugbläschen

  • quitschende oder klickende Geräusche (Baby kann das Vakuum beim Stillen nicht gut aufrechterhalten)

  • Baby lässt seitlich Milch aus dem Mund laufen

  • Kind stülpt die Lippen nicht locker auf

  • Schmerzende Brustwarzen, verformte Mamillen nach dem Stillen

  • Brust nicht gut entleert nach dem Stillen

  • häufige Milchstaus

  • Mastitiden/Abszess

  • Mund des Kindes öffnet sich nicht ausreichend, Zunge kommt nicht an den Gaumen

  • Probleme beim Essen (kleine Mengen Fingerfood, Bevorzugung von Brei/ Püree, Verweigerung fester Konsistenzen, Kauprobleme)

  • offene Mundhaltung und Mundatmung

  • Würgen noch im Kindergartenalter bei bestimmten Texturen

  • Verzögerte Sprachentwicklung, Probleme bei der Bildung von Sprachlauten

  • Konzentrationsprobleme

  • Kind schnarcht, schläft nicht gut

  • häufige Infekte

Wenn Du einige der oben genannten Punkte beobachtest, ist es ratsam die Zungenbeweglichkeit von Fachpersonal (u.a. Kinderarzt, Kieferchirurg, Logopädie, Physiotherapie) untersuchen zu lassen.


Da sich ein zu kurzes Band auf Grund der Fasern nur minimal dehnen lässt, wird es eher nicht von selbst weggehen. Ob jedoch eine Frenotomie (das Schneiden des Zungenbandes) nötig ist, wird im Einzelfall entschieden. Eine gute Vor- und Nachsorge, z.B. durch eine Stillberaterin, Logopädin, Physiotherapeutin sind sehr wichtig! Denn die Fehlhaltungen müssen abgebaut und die nicht genutzte Muskulatur muss auch nach der Durchtrennung des Zungenbandes aktiviert und trainiert werden.


PS: Auch das Lippenband der Ober- oder Unterlippe oder die Wangenbänder können zu kurz sein, so dass ein Ausstülpen der Lippen beim Trinken an der Brust nicht ausreichend möglich ist.

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