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Wie gelingt Mehrsprachigkeit? Fakten und Tipps zur mehrsprachigen Erziehung

Aktualisiert: 26. Feb.

Überfordert es Kinder mit zwei Sprachen gleichzeitig aufzuwachsen? Die Antwort lautet: NEIN! Im Gegenteil: Mehrere Sprachen fließend sprechen zu können, gilt in der globalen Welt als klarer Vorteil. Aber nicht nur wegen der Kommunikation an sich!


Vorteile von Mehrsprachigkeit bei Kindern


Hast du gewusst, dass durch das Erlernen einer zweiten Sprache ein neuronales Netz aus verbundenen Nervenzellen entsteht? Kinder die zweisprachig aufwachsen haben eine größere Anzahl von Neuronen und Synapsen im Gehirn und zeigen mehr Hirnaktivität. Das befähigt sie dazu, schneller zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln und Probleme besser lösen zu können. Zweisprachige Menschen verstehen mathematische Konzepten leichter (Zelasko & Antunez, 2000), erinnern sich leichter (Bialystok, 2001) und haben scheinbar sogar einen höheren Widerstand gegen den Ausbruch von Demenz (Atkinson, 2016).


Wann ist der beste Zeitpunkt, um meinem Kind eine zweite Sprache zu lernen?


Es gibt sogenannte sensible neuronale Phasen, in denen der Erwerb von Sprachen am besten gelingt. Die Forschung zeigt: die beste Zeit, um eine zweite Sprache zu erlernen liegt in der frühen Kindheit. Wir lernen sehr viel bis zum Eintritt der Pubertät. Danach erreicht das neuronale Wachstum, in dem neue Verknüpfungen im Gehirn geschaffen werden, ein Plateau. In der Wissenschaft sprechen wir dann auch nicht mehr von einem natürlichen Spracherwerb, sondern eher von einem bewusstem Lernprozess.


Wie gelingt es, dass ein Kind Muttersprach-Niveau in der Zweitsprache erreicht?


Bei der Beantwortung dieser Frage geht es um die Qualität und Quantität des sprachlichen Inputs. Also, wie viele Stunden das Kind in der Woche mit der jeweiligen Sprache in Kontakt ist. Es spielt auch eine Rolle, wer was mit dem Kind spricht und wie intensiv dieser Sprachkontakt ist. Ideal wäre es, wenn ein bilinguales Kind 50 Prozent des Tages mit jeder Sprache in Kontakt wäre. Aber in der Realität ist das natürlich schwierig.


Der beste Weg, diese Erkenntnisse in deiner Familie umzusetzen, besteht darin:

  • Mit dem Kind in der Sprache zu sprechen, die man selbst am besten beherrscht!Denn wir sind Sprachvorbilder für unsere Kinder und sie übernehmen auch unsere Fehler.

  • Konsequent diese Sprache zu nutzen! Also innerhalb einer Unterhaltung mit dem Kind die Sprachen nicht zu mischen. Denn dies erschwert dem Kind die Unterscheidung zwischen den beiden Sprachsystemen. Mehrsprachige Kinder, machen wenn sie sprechen lernen typischerweise Fehler in der Grammatik oder sie suchen nach einem bestimmten Wort in einer Sprache und ersetzen es dann mit dem Wort aus der anderen - gerade verfügbaren Sprache. Das ist normal, weil sie mit mehreren Sprachsystemen jonglieren. Je sicherer die Sprachen im Laufe der Entwicklung werden, desto weniger solcher Fehler passieren. Wir müssen ihnen diese Sicherheit geben, in dem wir konsequent in unserem Sprachangebot sind.

  • Realistische Erwartungen zu haben. Man kann nicht erwarten, dass das Kind nach zwei Jahren in mehrsprachiger Umgebung die gleiche Kompetenz in all diesen Sprachen hat wie ein Kind, das nur mit einer Sprache aufwächst. Ein Beispiel: Nach ein paar Jahren kann ein Kind, das in Deutschland lebt und mit einem deutschsprachigen und einem russischsprachigem Elternteil aufwächst, die grammatischen Strukturen des Russischen schon gut meistern. Der russische Wortschatz ist aber eventuell kleiner als der Wortschatz eines Kindes, welches in Russland aufwächst und deutlich mehr russisch hört und spricht. Kein Wunder, bei dem erstgenannten Kind sind die russischen Kontexte in Deutschland ja viel geringer. Man spricht deshalb auch von der sogenannten Minderheitensprache.

Fazit: Wenn ich möchte, dass mein Kind nicht nur in der Umgebungssprache (z.B. englisch) sondern auch in der Herkunftssprache (z.B. deutsch) muttersprachlich entfaltet, dann muss ich mich nach entsprechenden Möglichkeiten umsehen! Das gilt auch für die Alphabetisierung, z.B. wenn mein Kind in Deutschland in der Schule deutsch lernt, es aber auch in der Familiensprache (italienisch) lesen und schreiben lernen soll.


Englisch im Kindergarten - Wie sinnvoll ist früher Sprachunterricht?


Die Handlungsorientierung ist sehr wichtig. Die Sprache muss immer in einen Kontext eingebettet sein, um zum Gebrauchtgegenstand zu werden. Erst dadurch lernen Kinder, sie anzuwenden. Es gibt viele Studien zum Erwerb des Englischen in bilingualen Kindertagesstätten oder in bilingualen Grundschulen. Dort ist es so, dass ein Erzieher oder eine Lehrkraft z.B. Englisch spricht, die andere Lehrkraft spricht Deutsch. Stimmen die Bedingungen, erwerben die Kinder gute bis sehr gute Kompetenzen im Englischen. "Englischunterricht", bei dem die Kinder 1x in der Woche spielerisch englische Begriffe lernen ist KEINE bilinguale Erziehung! 


Hat es auch Nachteile mehrsprachig aufzuwachsen?


Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, sind nicht häufiger von einer Sprachentwicklungsstörung betroffen als einsprachig aufwachsende Kinder. Dadurch, dass die Kinder mit mehreren Sprachsystemen jonglieren müssen, machen sie jedoch typischerweise mehr Fehler als einsprachig aufwachsende Kinder und brauchen im Durchschnitt länger, um sprachliche Aufgaben zu bewältigen.

Mehrsprachig aufwachsene Kindern können jedoch häufiger von umweltbedingten

Sprachschwierigkeiten betroffen ist. Das kann daran liegen, dass sie z.B. zu einer der

Sprachen zu wenig Kontakt haben oder das Sprachangebot qualitativ nicht ausreicht und

deshalb Möglichkeiten zum sprachlichen Lernen fehlen. Problematisch wird es, wenn der

sprachliche Input in beiden Sprachen fehlt, denn dann kann das Kind weder in der

Muttersprache noch in der Umgebungssprache ausreichenden gute Sprachfähigkeiten

aufbauen. Man spricht in diesem Fall auch von einer doppelten Halbsprachigkeit.

Eine Förderung mittels bestimmter Sprachlehrstrategien kann hier gezielt helfen, den Erwerb zu unterstützen und die Stolperfallen und Tücken zu umgehen.


Mehrsprachige Erziehung: Tipps für Eltern