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Schnuller & Daumen - ja oder nein?

Aktualisiert: Juli 2

Manche Kinder wollen einen Schnuller, andere ihren Daumen. Manche brauchen weder das Eine noch das Andere. Ist das nun gut oder schlecht?

In diesem Beitrag teile ich mein Wissen mit Euch, damit Ihr einen eigenen bedürfnisorientierten Umgang mit dem Schnuller finden könnt.


Der Säugling saugt

Dein Baby hat ein angeborenes Saugbedürfnis. Das Saugen ermöglicht das Trinken, aktiviert das Verdauungssystem, es reduziert Schmerzen und hilft dem Baby sich selbst zu beruhigen.

Das gezielte Saugen gelingt ab dem 4. Lebensmonat. In Kulturen, in denen Mütter ihre Babys noch stets bei sich tragen, haben die Säuglinge immer Zugang zur Brust, sodass Brustersatz in Form von Schnullern nicht notwendig ist.


Ober- und Unterkiefer verändern sich in den ersten Lebensjahren stark. Durch Saugen, Kauen, Schlucken sowie durch mimische Bewegungen und letztlich durch Sprechbewegungen trainiert das Kind seine Muskeln.


Ein gesundes Muskelgleichgewicht ist sehr wichtig! Bei einer Fehlnutzung der Muskulatur können myofunktionelle Auffälligkeiten entstehen. Der Muskeltonus der Mund- und Gesichtsmuskulatur hat wiederum Einfluss auf den ganzen Körper, denn die Nutzung der Mundmuskulatur formt den Gesichtsschädel und dieser ist mit der Wirbelsäule verbunden.


Was passiert beim Schnullern?

Das Saugen am Schnuller entspricht nicht dem Saugen an der Brust, weshalb sich Kiefer- und Gesicht anders entwicklen, als sie es physiologisch tun würden. Brustwarze und Babymund passen sich einander an. Beim Saugen an der Brust wirken Kräfte nach Außen, beim Saugen am Schnuller wirken sie nach innen. Dies hat eine grundlegend unterschiedliche Wirkung auf die Physiologie und Anatomie des kindlichen Kopfes.


Schauen wir uns das etwas genauer an:


Forschungen zeigen, dass der Schnuller den Stillstart und die Milchbildung anfangs schwieriger machen kann. Das Dauernuckeln am Schnuller kann dazu führen, dass Hungerzeichen vom Baby nicht rechtzeitig wahrgenommen werden. Man nennt dies auch "Saugverwirrung". Das Baby gewöhnt sich dann an gewisse Fastenperioden, die nicht physiologisch sind. Babys mit Schnuller können sich früher abstillen. Das sogenannte nonnutritive Saugen wird verhindert. Hier wird schneller, aber weniger tief gesaugt, was zum Rückgang der Milchmenge führen kann.


Die orale Phase des Kindes ist u.a. für das Erleben der Umwelt wichtig. Es erfährt seine Welt durch alle Sinne. Dazu gehört auch das orale Ertasten. Wenn ein Kind häufig schnullert, fällt diese Stimulation des Gehirns leider weg, da es in dieser Zeit keine anderen Dinge oral erkunden kann.


Das Kind kann schnullernd den Mund nicht physiologisch schließen. Die Zunge kann ihre normale physiologische Ruheposition am Gaumen nicht einnehmen, da der Schnuller im Weg ist. Dadurch kann die Zunge ihr formende Funktion am Gaumen nicht ausüben.

Je länger und häufiger dies der Fall ist, desto problematischer ist das für die Zukunft des Kinderkiefers.


Ist der Schnuller im Mund liegt die Zunge also schlaff am Mundboden, wodurch ihr muskuläre Grundspannung fehlt. Die falsche Ruheposition führt zu einer nichtphysiologischen Kieferstellung; der Mundschluss fehlt, Wangen- und Lippenmuskulatur erschlaffen, die Kinder atmen häufig durch den offenen Mund, statt durch die Nase.


Die Mundatmung erhöht wiederum das Infektionsrisiko (bakterielle Infekte, Mittelohrentzündung, Bronchitis, Mandelentzündungen, Polypen etc.) da die Luft ungefiltert in den Organismus strömt. Vergrößerte Rachen- und Gaumenmandeln erschweren wiederum die Nasenatmung, wodurch das Kind immer häufiger auf die Mundatmung zurückgreifen muss. Ein Teufelskreis entsteht.


Zudem hat das Saugen am Schnuller eine Wirkung auf das Schlucken, denn es provoziert ein sogenanntes "infantiles Schluckmuster", wobei die Zunge an oder zwischen die Zähne drückt. Kiefer- und Zahnfehlstellungen (z.B. ein offener Biss) sind häufige Folgen.


Schnuller und Sprachentwicklung

Sind Zungen- Lippen- und Wangenmuskulatur in ihrem Zusammenspiel gestört, weil die Muskulatur zu schlaff (hypoton), in ihrem Bewegungsausmaß und in ihrer Kraft eingeschränkt ist, beeinflusst dies natürlich auch das Sprechen. Denn für die Bildung von Sprachlauten müssen die Sprechwerkzeuge (Lippen, Zunge, Wangen) präzise und koordiniert miteinander arbeiten. Die häufigsten Artikulationsstörungen sind beispielsweise ein Sigmatismus oder Schetismus = Fehlbildung der Zischlaute (s, z, sch, ch), im Volksmund auch „lispeln“ genannt.


Was Du auch bedenken solltest: Kinder, die ständig schnullern, sprechen weniger! Das bedeutet, es entstehen weniger Dialoge, in denen das Kind das Sprechen lernen kann. Denn wenn ein Kind ruhig ist und weniger die Initiative zur Kommunikation ergreift, spricht auch das Umfeld weniger mit ihm. Dadurch geht dem Kind wichtige sprachliche Anregung verloren.


Hat der Schnuller auch Vorteile?

Es wird vermutet, dass der Schnuller einen positiven Einfluss auf die Schlaftiefe und Erweckbarkeit des Babys (durch akustische Reize) hat. Dies trifft allerdings nur auf nicht-gestillte Säuglinge zu. Man sollte daraus also nicht schlussfolgern, dass alle Kinder von einem Schnuller profitieren!


Was bedeutet das nun für unseren Alltag?

Wenn Dein Kind einen Schnuller braucht, dann nutzt ihn wohldosiert!

Achte dabei auf zwei Dinge:


1. Die richtige Form des Schnullers

Ein Schnuller sollte nicht mitwachsen - das tut die Brust auch nicht. Achte jedoch unbedingt darauf, dass der Schnuller groß genug ist, um nicht in den Kindermund zu geraten, sonst droht Erstickungsgefahr! Hinweis: bei Schnullern mit Plastikschild besteht die Gefahr, dass sich dieses ablöst und das Saugteil in den Mund und Rachen gerät. Ich empfehle daher einen Schnuller, der komplett aus einem Guss gefertigt ist.

Du kannst Dich an folgenden Richtlinien orientieren: Das Saugteil sollte klein, flach und weich sein, damit er sich dem Babymund anpassen kann und so wenig Platz wie möglich im Mundraum einnimmt! Die Zunge bleibt somit beweglich und wird nicht nach unten gedrückt.

Der Schaft des Schnullers sollte leicht sein, die Lippen müssen den Schnuller halten können. Wenn die Lippen den Schnuller nicht halten können, dann wird der Schnuller durch die Zunge festgehalten, das stört das oben genannte Gleichgewicht der Mundmuskulatur. Wichtig ist auch das Gewicht des Schnullers. Ist er zu schwer, überfordert er die Lippen- und Zungenmuskulatur. Achtung: auch Schullerkettchen können das Gewicht des Schnullers erhöhen!


2. Die Situation und die richtige Dosis

Die American Academy of Pediatrics empfiehlt:

  • Nutzung bei Säuglingen zum Schlafen

  • Möglichst erst nach Etablierung des Stillens

Es wird empfohlen, den Schnuller in den ersten 4-6 Wochen, also bis das Stillen etabliert ist, nicht zu geben. Versuche also eine Umgebung zu schaffen, die es Euch erlaubt, das Saugbedürfnis Deines Kindes natürlich mit der Brust zu befriedigen.


Jedes Kind ist anders. Wenn Dein Kind den Schnuller früher benötigt, dann gehe reflektiert und achtsam mit der Situation um! Das heißt: So wenig wie möglich, aber wenn nötig.

Zum Beispiel: Zum Einschlafen und dann vorsichtig aus dem Mund rausnehmen. Oder bei Bedarf, z.B. wenn sich das Baby anderes nicht beruhigen lässt.


Vermeide es, Deinem Kind den Schnuller einfach in den Mund zu schieben, wenn er rausgefallen ist. Vielleicht braucht es den Schnuller gerade gar nicht.

Gewöhne Deinem Kind nicht an, dass es immer und zu jeder Zeit einen Schnuller an der Hand hat. Denn sonst machst du aus einem vorübergehenden Bedürfnis eine (schlechte) Angewohnheit. Und eine liebgewonnene Gewohnheit zu ändern ist schwer; das kennen wir selbst nur zu gut, oder?


Was ist mit dem Daumen?

Beim Daumenlutschen kann es ebenfalls zu Fehlbildungen am Kiefer, Zahnfehlstellungen und Sprechstörungen kommen.

Zudem sollte man bedenken: Der Daumen ist hart, nicht kiefergerecht geformt und das Abgewöhnen vom Daumenlutschen ist oft schwieriger als die Entwöhnung des Schnullers, denn der Daumen ist theoretisch immer verfügbar.

Allerdings empfiehlt die deutsche Zahnärztekammer eher den Daumen, da dieser nicht so häufig und lange im Mund verbleiben würde; z.B. das Kind benötigt beim Spielen mit Bausteinen seine Hände, da stört der Daumen im Mund, während der Schnuller während des Spiels auch im Mund verbleiben könnte.


Fassen wir also zusammen:

Einen kiefergerechten Schnuller gibt es nicht!

Prof. Dr. Rolf Hinz - deutscher Professor für Kieferorthopädie bezeichnet den altersgerechten Sauger als reines Marketingargument.


Wenn dein Baby keinen Schnuller braucht: Super! Provoziere den Gebrauch nicht!


Die Schwere der schädlichen Auswirkungen des Schnullers hängt von Intensität, Häufigkeit und Dauer seiner Verwendung ab. Reduziere also die Zeit der Nutzung auf ein Minimum und achte darauf, dass der Schnuller oder Daumen nicht zur Routine werden.


Es ist wie so oft: Der richtige Weg liegt in einem reflektierten und ausgewogenen Umgang!


Tipp: Mit Irina Kaiser, Stillberaterin und zertifizierter Babyschlafcoach, (www.babyschlafschule.de) habe ich ausführlich über das Thema Schnuller & Daumen in einem Video-Interview gesprochen. Du kannst dir das Interview HIER ansehen.

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